Erläuterungen zu Risikofaktoren

Nicht alle bekannten Risikofaktoren lassen sich beeinflussen, wie zum Beispiel das Alter, das Geschlecht und erbliche Belastung. Auf einige Risikofaktoren möchten wir hier genauer eingehen:

Alter

Darmkrebs ist vor allem eine Krankheit des Alters. Mehr als die Hälfte der Betroffenen erkrankt nach dem 70. Lebensjahr, nur etwa jeder Zehnte ist jünger als 55 Jahre. Das durchschnittliche Alter, in dem der Tumor entdeckt wurde, liegt für Männer bei 71, für Frauen bei 75 Jahren.

Erkrankungsrisiko nach Alter (Zentrum für Krebsregisterdaten/RKI)

Alter Darmkrebsdiagnose in den nächsten 10 Jahren
35 1 von 920 Männern 1 von 1.000 Frauen
45 1 von 240 1 von 300
55 1 von 79 1 von 140
65 1 von 41 1 von 69
75 1 von 29 1 von 42

 

Familiengeschichte

Darmkrebs kann erblich bedingt sein. Manchmal tritt er auch gehäuft in Familien auf, ohne dass sich eine Genveränderung dafür finden lässt. Für Menschen, bei denen eine erbliche Ursache nachgewiesen ist, aber auch für Menschen mit gehäuften Darmkrebsfällen in der Familie gelten nach Meinung der Experten besondere Empfehlungen zur Früherkennung und Vorsorge. In Bezug auf das Erkrankungsrisiko stellt die Leitlinie Früherkennung (11) fest:

Familiäre Häufung = Darmkrebs ohne nachgewiesene erbliche Ursache: In einigen Familien tritt Darmkrebs häufiger auf, ohne dass eine Genveränderung als Ursache entdeckt wird. Dann sprechen die Experten von einem „familiären kolorektalen Karzinom“. Etwa 20 bis 30 von 100 Darmkrebsfällen treten in bereits betroffenen Familien auf. Verwandte ersten Grades, also Eltern, Geschwister und Kinder von Menschen mit Darmkrebs, haben ein zwei- bis dreifach erhöhtes Risiko, selbst an Darmkrebs zu erkranken. „Erhöhtes Risiko“ bedeutet aber nicht, dass man auf jeden Fall erkrankt. Ein Beispiel aus der oben angeführten Tabelle soll das verdeutlichen: In Deutschland erkrankt durchschnittlich eine von 69 Frauen im Alter von 65 Jahren in den nächsten zehn Jahren an Darmkrebs. Ist das Risiko zwei- oder dreifach erhöht, so erkranken in den nächsten zehn Jahren zwei bis drei von 69 Frauen im Alter von 65. Ist der Darmkrebs bereits vor dem 60. Lebensjahr aufgetreten, erhöht sich das Risiko um das Drei- bis Vierfache. Verwandte zweiten Grades (Tanten und Onkel, Cousins und Cousinen, Enkel) haben nur ein geringfügig höheres Erkrankungsrisiko. Wurden bei Verwandten ersten Grades vor dem 50. Lebensjahr Darmpolypen gefunden, so ist das eigene Darmkrebsrisiko ebenfalls erhöht. 

Erblich bedingter Darmkrebs: In seltenen Fällen ist eine eindeutig nachweisbare Veränderung der Erbanlagen die Ursache für Darmkrebs. Die häufigste erbliche Darmkrebserkrankung ist das sogenannte hereditäre nicht-polypöse Kolonkarzinom (englisch: hereditary non-polyposis colorectal cancer, daher abgekürzt: HNPCC), auch Lynch-Syndrom genannt. Hier kann aufgrund einer Genveränderung aus einem Polypen sehr viel schneller und in einem früheren Alter als sonst üblich Darmkrebs entstehen. Etwa fünf von 100 Darmkrebsfällen gehen auf HNPCC zurück. Eine andere, sehr seltene Genveränderung führt zu einem massenhaften Entstehen von Darmpolypen. An dieser sogenannten familiären adenomatösen Polyposis (FAP) sind etwa fünf von 100 000 Menschen erkrankt. Unbehandelt entsteht aus diesen Polypen nahezu immer Darmkrebs. Eindeutig nachweisen lässt sich ein erblich bedingter Darmkrebs oder eine FAP nur durch einen Gentest.

Hinweise zum möglichen Gentest: Besteht der Verdacht auf erblich bedingten Darmkrebs, so ist es für betroffene Patientinnen und Patienten wichtig, gründlich abzuwägen, ob sie diesen Test machen lassen: Wird dabei erblich bedingter Darmkrebs festgestellt, hat das erhebliche Folgen auch für die anderen Familienmitglieder. Nach Meinung der Experten sollte bei solchen Verdachtsfällen ein Zentrum mit besonderer Erfahrung bei erblichem Darmkrebs hinzugezogen werden. Gesunde dürfen gemäß Gendiagnostikgesetz nur dann einen Gentest machen lassen, wenn bei einem erkrankten Angehörigen eine Genveränderung bereits nachgewiesen wurde. In diesem Fall muss dem Test eine ausführliche genetische Beratung vorangehen. Sie klärt unter anderem über Folgen des Tests, die Aussagekraft von Ergebnissen und das eigene Erkrankungsrisiko auf. 

Einige Krankenhäuser haben besondere Erfahrung auf dem Gebiet des erblich bedingten Darmkrebs. Hier finden Sie die bundesweiten Zentren „Familiärer Darmkrebs“, in denen Betroffene und Angehörige sowohl medizinisch als auch psychologisch beraten und betreut werden. Eine Liste von Zentren sowie ausführliche Informationen zu erblichem Darmkrebs bietet auch das Verbundprojekt „Familiärer Darmkrebs“ an: www.hnpcc.de

Dickdarmpolypen bzw. Adenome

Wie bereits oben beschrieben, besteht ein Zusammenhang zwischen der Anzahl der Polypen im Darm und dem Risiko Darmkrebs zu entwickeln. Auch hier gibt es vererbbare Erkrankungen, bei denen so viele Polypen entstehen, dass die Betroffenen bereits in jungen Jahren mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit einen bösartigen Tumor entwickeln. In einem solchen Fall sollte der komplette Dickdarm und Enddarm vorsorglich bis zum 20. Lebensjahr entfernt werden. Diese Erkrankung, die sog. familiäre adenomatöse Polyposis (FAP), ist allerdings sehr selten. Die betroffenen Familien sind meist bereits in entsprechenden Fachkliniken in Betreuung.

Chronisch entzündliche Darmerkrankungen

Weitere Erkrankungen, welche die Entstehung von Dickdarmkrebs begünstigen können, sind die sogenannten chronisch entzündlichen Darmerkrankungen. Hierzu gehören der Morbus Crohn und die Colitis ulcerosa. Auch hier werden betroffene Patienten an entsprechende Spezialsprechstunden angebunden.

Fettleibigkeit

Bei fettleibigen Menschen, insbesondere wenn das Körperfett vorwiegend am Bauch lokalisiert ist, besteht ein bis zu zweifach erhöhtes Risiko einen bösartigen Tumor im Dickdarm zu entwickeln. Eine Reduktion des Körpergewichtes kann also das Risiko für Darmkrebs vermindern.

Ernährung

Fleischreiche Kost, insbesondere übermäßiger Verzehr von rotem Fleisch (Rind, Kalb, Schwein und Lamm), kann das Risiko, an einem Dickdarmkrebs zu erkranken, erhöhen.4 Dagegen konnte in Studien gezeigt werden, dass eine ballaststoffreiche Kost das Risiko für die Entstehung eines bösartigen Tumors im Dickdarm reduzieren kann. Wenn weniger Fleisch und Fleischwaren gegessen würden, ließen sich nach Angaben der Deutschen Krebshilfe pro Jahr bis zu 10.000 Dickdarm-Krebsfälle vermeiden.

Rauchen und Alkoholkonsum

Sowohl Rauchen als auch ein erhöhter Alkoholkonsum führen zu einem erhöhten Risiko, Dickdarm- und Enddarmkrebs zu entwickeln.

Vitamin D-Mangel

In den Medien liest man immer wieder, dass es einen Zusammenhang zwischen bestehendem Vitamin-D-Mangel und dem Auftreten von Krebserkrankungen geben könnte. Allerdings konnten wissenschaftliche Studien bisher keinen definitiven Zusammenhang zwischen Vitamin D-Mangel und Krebshäufigkeit herstellen. Lediglich bei bestimmten Personengruppen (z. B. schlanken Männern) scheint ein niedriger Vitamin D-Spiegel im Blut mit einem erhöhten Risiko einherzugehen. Eine allgemeine Empfehlung zur zusätzlichen Einnahme von Vitaminen und Spurenelementen gibt es allerdings nicht.

Bewegung und körperliches Training

Bei regelmäßiger körperlicher Aktivität ist das Risiko gutartige Tumore – und damit eine Vorstufe von Krebs - im Dickdarm zu entwickeln deutlich reduziert. So konnte in Studien gezeigt werden, dass sich das Krebsrisiko bei regelmäßiger körperlicher Betätigung um bis zu 30 % senken lässt. Auch bei schon bestehender Erkrankung hat die regelmäßige Aktivität einen positiven Einfluss auf die Überlebensprognose. Empfohlen wird die regelmäßige körperliche Bewegung mit moderater Anstrengung von mindestens 150 Minuten pro Woche (z. B. Spazierengehen).

Medikamentöse Prophylaxe

Es konnte in großen Studien gezeigt werden, dass durch die Einnahme von bestimmten Medikamenten wie z. B. Acetylsalicylsäure (ASS) das Risiko für Darmkrebs vermindert wird. Allerdings können durch solche Medikamente Nebenwirkungen wie z. B. Blutungen auftreten. Somit wird auch hier die prophylaktische Einnahme solcher Medikamente nicht empfohlen

Prävention: Was lässt sich erreichen, was nicht?(10)

Nach Meinung von Experten ließen sich die Neuerkrankungen an Darmkrebs deutlich senken, wenn die Ratschläge zur Vorbeugung und Früherkennung von allen Menschen beherzigt würden. Wenn mehr Menschen auf einen gesünderen Lebensstil achten, dann sinkt laut Krebsregistern insgesamt die Zahl der Darmkrebserkrankungen. Für einzelne Faktoren wie Sport und Bewegung oder Abnehmen bei Übergewicht liegen bereits konkrete Zahlen aus Studien vor: Sie zeigen zum Beispiel, dass das Darmkrebsrisiko bei körperlich aktiven Menschen geringer ist.

Hinzu kommen die Effekte durch Früherkennungs-Massnahmen. So können bei einer Darmspiegelung Krebsvorstufen nicht nur erkannt, sondern auch gleich entfernt werden. Ein Tumor kann dann erst gar nicht entstehen. Auch dies wirkt sich auf die Anzahl der menschen aus, die an Darmkrebs erkranken.

Um welchen Anteil die Darmkrebsrate aber insgesamt gesenkt werden könnte, ist laut Krebsinformationsdienst aber eine schwer zu beantwortende Frage: Das Zusammenspiel der vielen Einzelfaktoren ist komplex. Risikofaktoren beeinflussen sich gegenseitig, manche sind noch nicht gut genug untersucht.

Warum es sich trotzdem lohnt, die Empfehlungen zum Lebensstil und zur Früherkennung zu berücksichtigen?

Die meisten bekannten Maßnahmen wirken sich nicht nur auf das Darmkrebsrisiko aus, sondern gelten auch als allgemein gesundheitsfördernd. Sie wirken der Entstehung anderer Tumorarten ebenso entgegen wie beispielsweise einer Zuckerkrankheit oder dem Risiko von Bluthochdruck, Schlaganfällen oder Herzinfarkten.

Kann man eine Darmkrebserkrankung ausschließen, wenn man sich an die empfohlenen Maßnahmen hält?

Die Antwort lautet leider "Nein". Der Krebsifornationsdienst weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass alle Angaben zur Vorbeugung auf statistischen Wahrscheinlichkeiten aus Studien beruhen. Einzelschicksale liessen sich daraus nicht ableiten. Selbst Menschen, die sehr gesund leben und keine angeborenen Risikofaktoren oder Vorerkrankungen haben, können an einem Tumor erkranken - "Fehler" im genetischen Code entstehen vermutlich oft rein zufällig.


Letzte Aktualisierung:
31.01.2020

Referenzen:
(10) Krebsinformationsdienst des dkfz: Darmkrebs.Online unter: https://www.krebsinformationsdienst.de/tumorarten/darmkrebs/index.php. Heidelberg. Zuletzt eingesehen am 31.01.2020.
(11) Leitlinienprogramm Onkologie“ der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften e. V., der Deutschen Krebsgesellschaft e. V. und der Stiftung Deutsche Krebshilfe: Gesundheitsleitlinie Darmkrebs Früherkennung. Berlin, Stand: Juli 2015.
(12) Dobroschke J et al.: Kolorektales Karzinom. Gelb-grüne Reihe Nr. 29 der Sächsischen Krebsgesellschaft e.V. Zwickau, 2013.
(13) Deutsche Krebshilfe: Darmkrebs. Die blauen Ratgeber Nr. 06. Bonn, 2018.
(14) Ning, Y., L. Wang, and E.L. Giovannucci, A quantitative analysis of body mass index and colorectal cancer: findings from 56 observational studies. Obes Rev, 2010. 11(1): p. 19-30.
(15) Sinha, R., et al., Meat, meat cooking methods and preservation, and risk for colorectal adenoma. Cancer Res, 2005. 65(17): p. 8034-41.
(16) Park, Y., et al., Dietary fiber intake and risk of colorectal cancer: a pooled analysis of prospective cohort studies. JAMA, 2005. 294(22): p. 2849-57.
(17) Kirkegaard, H., et al., Association of adherence to lifestyle recommendations and risk of colorectal cancer: a prospective Danish cohort study. BMJ, 2010. 341: p. c5504. Moskal, A., et al., Alcohol intake and colorectal cancer risk: a dose-response meta-analysis of published cohort studies. Int J Cancer, 2007. 120(3): p. 664-71.
(18) Ordóñez-Mena JM, Serum 25-hydroxyvitamin d and cancer risk in older adults: results from a large German prospective cohort study. Cancer Epidemiol Biomarkers Prev. 2013 May;22(5):905-16. 8. Des Guetz, G.; et al., Impact of Physical Activity on Cancer-Specific and Overall Survival of Patients with Colorectal Cancer. Gastroenterol Res Pract., 2013;2013:340851. Epub 2013 Oct 3.
(19) Routine aspirin or nonsteroidal anti-inflammatory drugs for the primary prevention of colorectal cancer: U.S. Preventive Services Task Force recommendation statement. Ann Intern Med, 2007. 146(5): p. 361-4.

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